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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!

Im Moment scheinen eher Kriege, Angst, Flucht und Schrecken um uns herum zu herrschen. Das, was in Politik und Wirtschaft geschieht, ist mitunter nur schwer nachvollziehbar. Unsere Möglichkeiten einzugreifen oder mitzubestimmen erscheinen uns relativ gering, obwohl wir wählen dürfen. Gewählte Politiker enttäuschen, weil sie sich nicht an ihre gegebenen Versprechungen halten. Der  Markt und die Wirtschaft haben ihre eigenen, nur schwer durchschaubare, Regeln und Gesetze. So entsteht zunehmend ein Gefühl von „Die da oben und wir da unten“. Wir „da unten“ müssen hilflos zusehen was „die da oben“ mit uns machen.

Es macht mit mir, die Gesellschaft, die Politik, die Wirtschaft. Eigene Handlungsmöglichkeiten und Eingriffsmöglichkeiten bieten sich kaum. Das Vertrauen in Politik und Wirtschaft schwindet mehr und mehr. Und je weiter unten man in der Gesellschaftspyramide sitzt, desto stärker ist das Gefühl, dem allen ausgeliefert zu sein. Wer noch in der oberen Liga mitspielen kann, scheint zunächst nicht so betroffen zu sein. Aber die sich häufenden Fälle von Burnout zeigen ebenfalls  deutlich auf, dass hier etwas nicht stimmt. Das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit macht sich auf den unterschiedlichsten Eben mit unterschiedlichsten Reaktionen breit.  Aber je tiefer man in der Gesellschaftpyramide sitzt, desto weniger Kompensationsmöglichkeiten gibt es. Und hier stauen sich dann um so mehr Frust, Wut und Aggression auf. Um es etwas verkürzt und überzogen auf den Punkt zu bringen, der Reiche kriegt Burnout, der Arme haut drauf. Beides entsteht aber aus dem gleichen Gefühl heraus, aus Hilflosigkeit und Ohnmacht den gegebenen Umständen gegenüber.

„Es macht mit mir“ ist heute ein zunehmendes Lebensgefühl, das quer durch alle Schichten geht, nur mit unterschiedlichen Reaktionen und Auswirkungen.

Burnout ist die hilflos Gegenwehr gegen ein krankes System. Ich will mitspielen, schaffe es aber  nicht; ich will es gut machen, aber es gelingt mir nicht. Es ist der verzweifelte Versuch sich einem System anzupassen, das immer mehr Leistung, Einsatz und Anpassung fordert. Je nach Persönlichkeitsstruktur versuche ich mich immer mehr anzupassen, übersehe meine Grenzen und fühle mich dann massiv überfordert. Gleichzeitig wird mein scheinbares Versagen als Schwäche ausgelegt, denn  die anderen schaffen es doch, warum ich nicht. Durch die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust wird das Ganze dann noch verstärkt.

Ein anderer zu beobachtender Trend ist der Rückzug in den privaten Bereich. Da wo die Welt um mich herum immer größer und unüberschaubarer scheint, und ich wenig Handlungsmöglichkeiten habe etwas zu verändern, ziehe ich mich zurück auf eine Welt, die für mich überschaubarer und kontrollierbarer ist. Das ist in der Regel die Familie, Freude und der eigene intime Bereich, „my home is my castle“. Das eigene Glück und Wohlbefinden steht an hoher Stelle. Zufrieden mit sich und seinem Leben zu sein, scheint heute ein hohes Gut. Ich kümmer mich um mich selbst, suche gute Kontakte und Freundschaften. Work-Life-Balance versucht Leben und Arbeit in Einklang zu bringen und vor Überforderung und Stress zu schützen. Durch gesundes Essen, Sport, Meditation und Ruhe wollen wir unser Leben wieder in Einklang mit uns selbst bringen.

Die Folge davon ist ein hohes Maß an Selbstkontrolle. Fitness-Tracker nehmen meine fitness- und gesundheitsrelevanter Daten auf und leiten sie an mein Smartphone weiter. So kann ich dann ständig und laufend beobachten wie mein Befinden ist. Sie warnen mich wenn sich mich zu wenig bewege, zu viel oder zu wenig esse, überwachen meinen Schlaf und meinen Puls und meine Herzfrequenz. Und so kann ich dann dafür sorgen, dass es mir gut geht und ich gesund bin. Und es gibt mir das Gefühl ich kann etwas bewirken und verändern.

Eine weniger nach innen orientierte Reaktion ist die Suche nach Recht und Ordnung, d.h. ich suche Strukturen die mir Halt, Orientierung und Sicherheit geben. Das können politische Gruppen oder Parteien sein, aber auch religiös sektirische. Menschen suchen diese Orientierung  wenn sie weder im Außen noch im Innern einen Halt finden. Das Gefühl von Selbstwirksamkeit ist sehr gering, dafür aber das Gefühl „es macht mit mir“ um so stärker. All diejenigen, die das Gefühl haben in unserer Gesellschaft nicht adäquat mithalten zu können, fühlen sich außen vor und an den Rand gedrängt. Ich gehöre nicht dazu, ist ein Grundgefühl. Sie sehen aber für sich auch kaum eine Möglichkeit etwas zu verändern. Es scheitert u.a. an Bildung, finanziellen Ressourcen und an nötigem Selbstbewusstsein bzw. Selbstvertrauen. So suchen sie Gruppierungen die ihnen genau das vermitteln, Du bist wer, wir brauchen Dich und Du gehörst zu uns, Du gehörst dazu.

Gewalt und Aggression ist die letzte und äußerste Möglichkeit mit der eigenen Hilflosigkeit und Ohnmacht umzugehen und sich so „Gehör“ zu verschaffen. Gewalt und Aggression ist die gefährlichste Ausdrucksform von Ohnmacht. Da wo es keine andere Lösung gibt, setzt die Gewalt ein. Diese Gewalt richtet sich dann hauptsächlich gegen die noch Schwächeren, wie z.B. Flüchtlinge, Obdachlose oder das Fremde und wenig Kalkulierbare ansich.

Und die Kirche?

Laut der Umfrage ist die Skepsis gegenüber religiösen Institutionen unter jungen Menschen groß. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Bildung habe die Hälfte der 18- bis 34-Jährigen kein Vertrauen in religiöse Institutionen, weitere 34 Prozent vertrauten ihnen eher nicht. Nur 2 Prozent der Befragten gaben demnach an, religiösen Institutionen voll und ganz zu vertrauen, 14 Prozent wählten die Aussage „vertraue eher“. Auch die Befragten, die angaben, ohne den Glauben an Gott nicht glücklich sein zu können, hatten laut der Umfrage zur Hälfte kein oder eher kein Vertrauen in religiöse Institutionen. Nach bestimmten Institution, etwa der katholischen oder evangelischen Kirche gefragt, wurde nicht gefragt.*

Auch die Kirche ist ein „Machtapparat“ der nicht immer zu durchschauen  und zu verstehen ist. In der Umfrage kommt sie noch schlechter weg als die Politik. Sie hat ihre eigene Skandale und in dem was und wie sie ihr Christsein lebt stimmt sie nicht immer mit dem überein, was sie sagt. Und Kanzelredner und Rednerinnen gibt es genug. Menschen, die genau wissen was uns gut tut und was wir brauchen haben wir reichlich. Die Kirche wird als eine ähnlich menschenferne Institution betrachtet wie die Politik, Medien und Wirtschaft. Da helfen auch keine Milieustudien, um sich so den Bedürfnisse eines bestimmten Milieus anzupassen. Milieus sind Äußerlichkeiten, Lebensstile, Interessen und Verhaltensweisen. Will sich die Kirche danach ausrichten, wird sie nur zum Dienstleister. Dem Menschen wirklich nahe kommt sie dadurch nicht.

In der Studie „Generation What? antworten auf die Frage „Könntest Du ohne den Glauben an (einen) Gott glücklich sein“, 77% mit Ja und 23% mit Nein**

Die Frage ist nicht mehr „wie werde ich gesund“, sondern „wie werde ich glücklich“, bzw. wie kann ich zufrieden mit mir in dieser Welt leben. An erster Stelle steht das individuelle Glück, die individuelle Zufriedenheit. Dazu gehört das Körperliche, wie Fitness und Gesundheit, aber auch die geistige Gesundheit in Form von Entspannung, Meditation, Ruhe und Gelassenheit. Und dafür gibt es  genügend „Heilsanbieter“ und „Heilslehren“. Es gibt nicht mehr um die Lehre, das alleinige Angebot, das glücklich macht.  Der Markt ist voll von unterschiedlichen Möglichkeiten und Antworten aus denen man/frau wählen kann.  Jede/r kann sich so ihr/sein Glück so zusammenstellen, wie sie/er es braucht. Die Frage „was brauchst du“ wird so zu einer Frage von Angebot und Nachfrage und zu einer Wahlmöglichkeit. Der Glaube an einen allein selig bzw. glücklich machenden Gott wirkt hier etwas überholt.

Nur diejenigen, die sich nicht aus diesem reichhaltigen Pool bedienen können, sei es auf Grund grundsätzlicher existentieller Sorgen oder finanzieller Nöte, bleiben auch hier außen vor.

* http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/umfrage-jugend-hat-wenig-vertrauen-in-kirche
** http://www.generation-what.de

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