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Dienen statt ausbeuten

Da rief Jesus sie zu sich und sagte: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken und die Mächtigen ihre Macht über die Menschen missbrauchen.  Bei euch soll es nicht so sein, sondern wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein, und wer bei euch der Erste sein will, soll euer Sklave sein. (Matth. 20,25 – 27)

Es geht weder um Rollentausch noch um eine Änderung von Status und Position. Es geht vielmehr um die Frage wie gehen die Mächtigen mit ihrer Macht um. Für Jesus ist es eine allgemeine und uralte Erfahrung und Wahrheit, dass die Mächtigen ihre Untergebenen für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Denn ihnen geht es in der Regel immer um die Erweiterung der Macht, sei es territorial oder wirtschaftlich. Wobei es heute weniger um die territoriale Macht geht, sondern vielmehr um die wirtschaftliche Vormachtstellung. Die wirtschaftlich hochentwickelten Länder haben die Macht und die unterentwickelten haben zu dienen. Und wirtschaftlich am stärksten ist der, der den höchsten Gewinn erzielt. Und diesen Gewinn schöpfen nur die wenigen, die an der Spitze stehen, ab. Um diesen Gewinn zu erzielen, muss man gewinnorientiert wirtschaften. Man nennt es heute Gewinnmaximierung. Auf eine (vereinfachte) Kurzformel gebracht heißt es mit möglichst geringen Kosten die höchst möglichen Gewinne zu erzielen. Und geringe Kosten  gehen immer zu Lasten der „Kleinen“, derer, die am untersten Ende der Pyramide stehen. Denn es geht nicht um eine, wie auch immer geartete, Gleichverteilung der Gewinne, sondern um Abschöpfung. So sieht der Machtmissbrauch der (Wirtschafts-)Mächtigen unserer Tage aus.

Jesus zeichnet ein anderes Bild, Macht dient für ihn nicht dazu, sich zu bereichern, zu unterdrücken, zu missbrauchen oder den anderen klein zu machen. Macht bedient auch nicht den Ehrgeiz der Erste sein zu wollen. Macht beinhaltet die Auf-Gabe für die „Untergebenen“. Macht heißt Verpflichtung, Verantwortung und Fürsorge. Für die „Untergebenen“ da sein, nicht sie auszunutzen und zu missbrauchen. Damit ist nicht unbedingt eine Gleichverteilung der Gewinne gemeint.

Paulus entwickelte für die Gemeinde ein Bild vom Leib bei dem alle Glieder gleichberechtigt sind. Ein Bild, das sich auch gut auf alle anderen weltlichen sozialen Systeme übertragen lässt. In diesem Bild haben 1. alle Glieder eine gleichberechtigte Funktion 2. darf keines fehlen 3. leiden alle anderen mit, wenn eines der Glieder leidet und 4. braucht das schwächste Glied die besondere Achtung und den besonderen Schutz. Die Welt wäre eine andere, wenn wir das auf uns, auf unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft und unsere Welt übertragen würden. Paulus beschreibt hier ein soziales ökologisches System, in dem alle voneinander abhängig sind und aufeinander reagieren. Und wie in den Ökosystemen der Natur hat auch hier das Fehlen des Kleinsten und Geringsten eine Auswirkung auf die Gesamtheit. Eine Ausbeutung dieser Systeme bringt sie aus dem Gleichgewicht, macht sie krank und zerstört sie am Ende ganz. Nichts anderes geschieht auch mit menschlichen sozialen und wirtschaftlichen Systemen. Und darum sollten alle die, die an den Stellschrauben der Macht sitzen sehr behutsam, aufmerksam und bewusst mit dieser Verantwortung um gehen. Es geht nicht darum die Systeme auszupressen wir eine Zitrone um möglichst viel Gewinn zu erreichen, sondern Optimierung hieße hier für das optimale Zusammenspiel und Funktionieren aller „Glieder“ zu sorgen. In der Fürsorge für den Schwächsten zeigt sich die eigentliche Stärke eines menschlichen Systems. Das unterscheidet uns auch von der Natur, denn hier gilt das Recht des Stärkeren und es herrschen die Sieger und nicht die Verlierer. Aber leider scheint es auch für uns Menschen eine natürliche, Gott gegebene, Ordnung zu sein. Der Stärkere herrscht über den Schwachen, von alters her.

Aber Gott denkt anders als wir Menschen. Paulus schreibt: „Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben“. Gott gibt denen die Ehre, die ganz unten sind. Das sind diejenigen, die uns dienen, bzw. die „Drecksarbeit“ für uns machen. Von denen wir abhängig sind, und das  fällt uns spätestens dann auf, wenn die Müllabfuhr streikt. Das Paradoxe ist nur, dass wir die beherrschen (wollen) auf die wir angewiesen sind. Gott sagt aber: Achtung gebührt dem, der uns dient. Denn Dienen ist eine höhere Leistung als Herrschen. Den Lohn und die Ehre erhalten aber die, die es sich leisten können, sich bedienen zu lassen. Anders, ohne die, die aussäen gibt es keine Ernte, ohne die, die ernten, keine Gewinne.  Auf einem herrschaftlichen Hof sind es die kleinen Arbeiter die die Feldarbeit machen. Von dem erwirtschafteten Reichtum erhalten sie aber wenig. Dafür aber Sanktionen, wenn die nicht die nötige Arbeit verrichten. Sie werden ausgebeutet und missbraucht. Und so ist es noch heute, wenn auch mit unter anderen Umständen und mit anderen Mitteln.

Diese Welt ist für Gott verkehrt. In dem oben beschriebenen sozialen oder auch wirtschaftlichen ökologischen System sind alle gleichwertig und aufeinander angewiesen, gleich welche Aufgabe oder Position jemand hat. Da ist der „kleine Feldarbeiter“ auf den „Gutsherren“ angewiesen, und der Gutsherr auf den Feldarbeiter. Das Angewiesen sein, geht also nicht nur von unten nach oben, sondern auch von oben nach unten, indem auch der Herrschen abhängig ist vom Einsatzwillen und der Bereitschaft der Untergebenen. Die „weltlichen Herrscher“ lösen das über Macht und Sanktionen oder im umgekehrten Falle über Gnade und Barmherzigkeit. Beides aber sind Herrschaftsstrukturen und eine Ausübung von Macht mit einer einseitigen Abhängigkeit.

Gott sagt aber: „dienet einander„, denn keiner steht über dem Anderen!  Wir müssen begreifen, dass wir in einer gegenseitigen Abhängig voneinander leben. Das bedeutet gleichzeitig, zu akzeptieren, dass wir alle aufeinander angewiesen sind, gleich in welcher Position. Und das lässt uns bescheiden werden. Aber dieses Angewiesen sein macht es auch notwendig zu spüren wann ein „Glied“ leidet. Nur wenn es allen gut geht kann ein System optimal funktionieren. Die Vorrausetzung dafür ist aber, dass jeder sich dem System unterordnet, ihm dient und es nicht beherrscht will, um das Letzte aus ihm heraus zupressen. Wenn ich „diene“ habe ich allerdings keine Kontrolle, die habe ich nur, wenn ich mit Hilfe von Sanktionen meine Macht ausüben kann. Wenn ich aber statt der Kontrolle mein Angewiesen sein akzeptiere, auch da, wo um die Schwächsten geht, werde ich auch für das Wohlergehen aller Sorge tragen, und sie höher stellen als mich selbst, damit sie mir erhalten bleiben. Der Weg dahin scheint allerdings noch in unerreichbarer Ferne. Solange der Mensch noch nach Macht strebt, werden wir es nie erreichen. Und es werden auch weiterhin Menschen für Hungerlöhne und unter Einsatz ihres Lebens uns und unserem Wohlstand dienen müssen

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