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oder Liebe die beständig ist

„… und ihn (Gott) lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. (Markus 12,33)

“ Barmherzigkeit will ich (Gott) und nicht Opfer“ (Matth. 12,7b)

Zu früheren Zeiten versuchte man durch Opfergaben eine Gottheit bzw. Gott für sich gnädig zu stimmen. Er sollte sich einem wieder zuwenden oder ein Vergehen vergeben. Aber es war nicht unbedingt selbstverständlich, dass diese Gaben auch angenommen wurden. Und somit konnte man sich der Liebe und der Zuwendung dieser Gottheit nie sicher sein. Denn die Gottheit bestimmte darüber wen sie annahm und wen nicht. Dafür gab es aber auch keine nachvollziehbaren Regeln und so schien es eher dem Zufall überlassen wer geliebt und angenommen wurde. Wenn man sich aber einer Liebe nicht sicher sein kann, versucht man sie immer wieder durch Opfer oder Leistung für sich zu gewinnen.

Dieses Muster durchbricht Gott, indem er uns seine beständige Liebe zusichert. Er sagt „ich bin da“ meine Liebe ist euch gewiss, ihr braucht nicht darum zu buhlen oder Opfer erbringen. Ihr müsst diese Liebe nur annehmen und darauf vertrauen.

Liebesentzug ist eine gewaltige Strafe und macht abhängig. Das spüren Kinder besonders, denn sie sind auf diese beständige Liebe angewiesen. Erst durch das grundsätzliche Gefühl immer geliebt zu werden entsteht das so wichtige Urvertrauen, was ihnen die Möglichkeit gibt zu einem gesunden Erwachsenen heranzureifen. Liebe, die nicht verlässlich ist, macht dagegen unsicher, abhängig und in gewisser Weise auch erpressbar. „Wenn Du nicht lieb bist, dann…..“, erzeugt eine große Angst und die Bereitschaft alles zu tun, um sich diese Liebe zu erhalten. Liebe darf nicht an die Angst gekoppelt sein sie auch verlieren zu können. Denn in dieser Art Liebe geht es um Macht und darum sich den anderen gefügig zu machen. Es ist das letzte Mittel der Machtausübung, mitunter auch der elterliche Macht. Geliebt zu werden wenn man „lieb“ ist und abgelehnt zu werden wenn man es nicht ist sondern „böse“, führt dazu sich nicht auf sich selbst konzentrieren zu können. Meine Frage ist dann nicht was brauche ich und was tut mir gut, sondern was braucht der andere von mir, damit er mir wohl gesonnen ist. Und das gilt für Götter wie für Menschen.

Gott geht es weder um Macht noch darum „liebe und gehorsame Kinder“ zu haben, sondern um Erbarmen. Wer kein Erbarmen kennt ist gnadenlos. Erbarmen hat, ähnlich die wie Empathie, etwas mit mir zu tun. Sich erbarmen heißt Mitleid haben sowie Mitempfinden und Mitgefühl zu zeigen. Es meint sich dem Anderen und seinem Leid zuzuwenden und ihn auch in seiner Bedürftigkeit wahrzunehmen. Und in dieser Bedürftigkeit geht es vor allem um das tiefe Bedürfnis nach Liebe und daraus resultierend (wieder) um die Frage „Was brauchst Du von mir“ bzw. „Was willst Du, dass ich Dir tun soll“.

Zum Erbarmen gehört aber auch den Anderen in seiner Fehlbarkeit anzunehmen. Die Vorbedingung dafür ist allerdings, dass wir uns selbst in unserer Fehlbarkeit wahr- und ernst nehmen. Oder anderes, auch müssen uns selbst gegenüber barmherzig sein.  Es gibt (leider) nicht den perfekten und unfehlbaren Menschen. Wir müssen lernen mit unseren eigenen und den Fehlern und Unzulänglichkeiten anderer zu leben. Die Kunst ist es aber sich selbst und den anderen trotzdem zu lieben. Es geht darum aus einer wenn – dann – Beziehung heraus zukommen. D.h. sowohl sich selbst als auch den anderen nicht erst dann zu lieben, wenn alles lieb, perfekt oder vollkommen ist. Und diese Erfahrung fängt schon bei den Kindern an. Sie müssen wissen, dass sie von ihren Eltern so geliebt werden, so wie sie sind, auch dann, wenn sie Fehler machen, trotzig oder frech sind. Kinder, die so geliebt werden haben es dann auch leichter ihre Fehler zu bekennen und dazu zu stehen – auch wenn es erst mal „Mecker“ gibt. Sie müssen das Gefühl haben als Gesamtpaket geliebt zu werden, so wie sie sind, mit allen Fehlern und Schwächen. Und genau so lernen sie dann auch sich selbst zu lieben und anzunehmen, was dann auch den Anderen, Nächsten, mit einschließt.

Und so verhält sich Gott auch uns gegenüber, er sieht uns in unserer Gesamtheit und eben auch mit unserer Unvollkommenheit und Fehlbarkeit. Es geht ihm nicht darum perfekte und fehllose Menschen zu haben, sondern darum, dass wir uns in unsere Fehlbarkeit ansehen und annehmen. Denn sein „Ja“ gilt diesem Gesamtpaket, ohne Einschränkungen und Vorleistungen. Im Gegenzug wünscht er sich unser „Ja“, und den Glauben und das Vertrauen an ihn, dass er uns auch so liebt.

Der Trugschluss der heutigen Zeit ist das Streben nach Perfektion und Vollkommenheit. Alle Unebenheiten und Unvollkommenheiten müssen verdeckt werden. Das fängt im Teenageralter mit den Pubertätspickeln an. Und genauso wie die Pubertätspickel ist jede Unvollkommenheit mit Scham besetzt und muss versteckt werden. In dem Moment aber, wo ich meine eigenen Schwächen und Fehler vor den anderen verstecken muss, und mich damit abwerte, fange ich auch an den anderen abfällig zu betrachten, und abzuwerten, wenn ich seine Fehler sehe. Denn was ich bei mir nicht zulassen kann, werde ich sie auch bei dem Anderen nicht akzeptieren können. Das macht mich unbarmherzig, denn es geht dann um die Regel und Bedingung „erst wenn Du (so wie ich) ohne Fehl und Tadel bist“, bist du von mir angenommen. Das fordert Opfer und da sind wir wieder bei den alten Göttern.

Unsere perfekte Welt hat keinen Platz mehr für die Unvollkommenheit und Fehlbarkeit. Und wir bringen unsere Opfer um sie zu verdecken. Blaming und Mobbing ist eine Methode um die anzuprangern und auszugrenzen, die eben nicht der allgemeinen Norm von Schönheit und Perfektionismus entsprechen. In Schulklassen ist es heute nicht ungewöhnlich, die auszugrenzen die sich nicht nach der momentan aktuellen Mode kleiden bzw. trendy sind. Blaming und Abwertung, sprich Liebesentzug, stehen gegen Barmherzigkeit und Annahme.

Aber erst die/meine Annahme meiner ganzen Person gibt mir auch den Mut zur Veränderung. Sie gibt mir die nötige Weite mich in meinen eigenen Möglichkeiten zu entdecken und zu entfalten. Und diese Veränderung geschieht dann nicht mehr um den anderen zu gefallen oder seine Liebe zurück zu gewinnen. Sie geschieht um meiner selbst willen, um zu dem Menschen werden zu können, zu dem mich Gott geschaffen hat.

Denn:

Jeder Mensch hat das Recht
die Möglichkeiten,
die von Gott her
in ihm angelegt sind
zur Entfaltung zu bringen.

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